Ich, du, ersiees Haldern: Tag 3, Sa, 14.08.2010

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20 Ago 2010, 13:07

Do., 12. Aug. – 27. Haldern Pop Festival
Slow show for you

Pünktlich, pünktlich. Die Sonne scheint, und Young Rebel Set spielen ganz famos auf, bevor Portugal.The Man schon so früh so richtig Druck aufbauen. Die nun immer zahlreicher werdende Menge vor der großen Bühne quittierte dies mit berechtigtem Applaus. Portugal. The Man machen es einem nicht gerade einfach mit ihrem zwischen Folk-Rock und Post-Irgendwas changierenden Sound. Ausgetüftelte Stücke wie „And I“ gehen aber auch live gut ins Ohr und begeisterten.
Fanfarlo nahmen den Druck anschließend wieder rausund bereiteten dem Publikum eine herzhafte Freude mit Schirm, Charme und Trompete. Ihr Balkanpop angehauchter Folk verleitete zum Mittanzen und zum Mitsingen. Die englische Band hat da nun wesentlich eingängigere Stück zu bieten als zuvor Portugal. The Man. Und mit „The walls are coming down“ hat man auf dem Debütalbum „Reservoir“ einen Überhit geschrieben, der live fast bin an die Schmerzgrenze repetiert und gefeiert wurde. Heiter war es. Passend zum Sonnenschein über dem Gelände.

Die Sonne verließ mich alsbald wieder. Ich wollte so schnell wie möglich ins Spiegeltent, nicht wegen Helgi Jonsson, der gerade begann und traurige Lieder über Liebe und seine Heimat Island sang. Nein, ich bekam Angst, den Geheimtipp The Low Anthem zu verpassen. Vielleicht werden die Neuengländer diesen Status verlieren, denn mit ihrem letzten Album „Oh My God, Charlie Darwin“ katapultierten sie sich musikalisch in die erste Americana-Reihe, wo sie sich neben Größen wie den bekannten Jayhawks, den Felice Brothers oder Altmeistern wie Willie Nelson, Gram Parsons und den Flying Burrito Brothers eingliedern. Das Konzert passte dann perfekt in das gut 1000-Leute fassende Zelt, auch wenn die Band zu Beginn Soundprobleme hatte. Sie legte dafür eine Akustiknummer aufs Parkett, bevor es elektrisch weiter ging. Man wurde nicht enttäuscht: Gitarren, Mundharmonika, Banjo und tolle Songs haben sie im Gepäck. Das folkige, etwas an Band Of Horses erinnernde „Charlie Darwin“ funktioniert genauso wie das countryeske „To the ghosts who write history books“ und die Coverversion der Tom Waitschen Vertonung von Jack Kerouacs „Home I’ll never be“. Der frenetische Jubel des übervollen Zeltes bewog die Dame und die Herren sogar dazu, noch einmal für eine Zugabe auf die Bühne zurückzukehren. Bravo!

Dass man anschließend den Iren von Villagers um Sänger Conor J. O’Brien nicht mehr so richtig viel Aufmerksamkeit schenken wollte: Geschenkt. Ein Conor genügt auch, denn Villagers ist nahezu eine – wenn auch sehr gute – Kopie von Conor Oberst und seinen Bright Eyes. Also ging’s ab an die frische Luft, um im Biergarten mit Freunden aufzutanken und Villagers sowie Bear In Heaven und Sleepy Sun auf der großen Leinwand zu verfolgen. Wir konnten uns übrigens nicht einigen, ob Sleepy Sun eher einen Vergleich mit Jefferson Airplane, Grateful Dead oder doch Moby Grape zulassen. So, Nerdalarm wieder ausschalten und sich für Yeasayer und The National fitmachen, lautete die Anweisung nach diesem langen Tag.

Bei Yeasayer war man sich nicht genau sicher, ob es in Richtung Freak Folk des ersten Albums „All hour cymbals“ geht oder die Elektroschiene vom aktuellen „Odd blood“ weitergefahren wird. Letzteres war der Fall, und die New Yorker beeindruckten mit Verspieltheit, Melodie und ordentlich Power, auch wenn es nicht vollends überzeugen konnte. Sie rissen einen jedoch zumindest aus der bierseligen Melancholie heraus. Elegant konnten dabei die Hits vom Erstling „Sunrise“ und „2080“ in das neue Konzept integriert werden. Wie gut jedoch manche Stücke vom neuen Album sind, verrieten die tanzbaren Darbietungen von „Madder red“ und insbesondere von „O.N.E.“, das sie als das meistgeremixte Stück ever ausgaben. Wer’s glaubt?! Perfekt inszeniert war dann der Abschluss mit „Ambling alp“, das selbst kritisch Distanzierte begeistern konnte. Diese leicht unterkühle Show will man am liebsten gleich anschließend in einem verschwitzten Club noch einmal genießen.

Mitklatschen? Ja nein vielleicht

Der Club muss warten, die Bühne ist der Mittelpunkt für den idealen Headliner des Haldern-Pop-Festivals 2010. The National verbinden Erfahrung mit Unbeschwertheit; verschrobene Strukturen mit eingängigen Songs und Melodien; Indiecharme und Mainstreamanspruch, der die Band um Sänger Matt Berninger mit dem letzten Album „High Violet“ auf Platz 3 der US-Billboard-Charts hievte. Die Bühne strahlte mal in grellem Grün, mal in schmuckem Violett passend zu den beiden letzen Alben. Leider gab es wieder einmal Soundprobleme, über die sich die Band sichtlich ärgerte. Die erste Hälfte des Sets wurde zur Zerreißprobe mit langen Pausen zwischen den Songs, die es zu überstehen galt. Dennoch konnte Songs wie „Afraid of everyone“, „Slow show“ oder „Mistaken by strangers“ nichts kaputt kriegen. In der zweiten Hälfte zeigte man sich dann schon eher von der Edelschokoladenseite. The National konnten den verkorksten Auftakt dadurch nicht mehr vollständig kompensieren, ließen aber viele bis halb drei Uhr in der Nacht ausharrende Menschen freudestrahlend nach Hause fahren. Mit den Singalongs „Abel“ und „Mr. November“ aus dem drittletzten Album „Alligator“ beglückte die Band sogar die älteren Fans. Nur über zuviel unrhythmisches Mitgeklatsche konnte man sich noch echauffieren. Mitklatschen sollte einem einzigen Stück vorbehalten bleiben: dem Radetzkymarsch des Neujahrskonzertes der Wiener Philharmoniker.

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